Seit zehn Jahren als Anti-Aggressivitäts-Trainer (AAT) im Einsatz für die AWO-Duisburg

Seit zehn Jahren als Anti-Aggressivitäts-Trainer (AAT) im Einsatz für die AWO-Duisburg

Über 250 Jugendliche haben seit 2009 am Anti-Aggressivitäts-Training der AWO-Integrations-Training teilgenommen. Im Interview erklärt AWO-Mitarbeiter Mike Kim, wie und warum es wirkt.

Herr Kim, seit zehn Jahren bieten Sie Anti-Gewalt Trainings an. Worum geht es dabei?

Mike Kim: Genau gesagt heißt es: Anti-Aggressivitäts- und Coolnesstraining (AAT/CT). Das ist der Begriff meiner Zertifizierung durch das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Ich habe dort die notwendige Ausbildung gemacht. Worum es beim Training geht? Ganz kurz zusammengefasst: Es geht darum, dass Menschen nicht mehr zu Schaden kommen und junge Menschen nicht wieder straffällig werden.

Das heißt, sie arbeiten mit bereits verurteilten Jugendlichen?

Mike Kim: Wir bekommen die Teilnehmer an unseren zehnwöchigen Trainings über die Gerichte. Die Jugendlichen, übrigens sind die meisten männlich, werden von den Richtern zu uns vermittelt. Ich finde es gut, wenn Richter frühzeitig und auch bei kleineren Vergehen diese Auflage machen. Je jünger die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind, umso größer sind die Erfolgsaussichten. Wir treffen uns dann einmal in der Woche auf dem AWO-Ingenhammshof. In der Vergangenheit haben wir auch einen Kurs in Hochfeld angeboten.

Und, wirkt das Training?

Mike Kim: Die Stadt Duisburg hat in den ersten Jahren eine Statistik geführt. Von den 72 Männern und Frauen, die unseren Kurs erfolgreich abgeschlossen haben, sind nur acht wieder straffällig geworden. Das ist eine tolle Quote. Inzwischen haben etwa 250 Straffällige unseren Kurs besucht. In den vergangenen Jahren konnten wir nur stichprobenartig überprüfen, was aus den Teilnehmern geworden ist. Was durchaus auffällt: Es ist ganz selten, dass jemand noch einmal unseren Kurs besuchen muss.

Sie haben davon gesprochen, dass der Kurs erfolgreich absolviert werden kann. Gibt es eine Prüfung oder wie messen Sie das?

Mike Kim: In der Tat, es gibt eine mündliche Abschlussprüfung. Jeder Teilnehmer muss zudem eine Bewerbung als zukünftiger Nichtstraftäter schreiben. Nur wenn uns diese Prüfung und die Bewerbung wirklich überzeugen, gilt der Kurs als bestanden. Ich sage immer: Bei deinem Anschreiben zur Bewerbung musst du uns überzeugen, sonst reicht es nicht.

Was passiert während der Trainings?

Mike Kim: Wir arbeiten viel mit Rollenspielen. Da stellen wir Provokationen zum Beispiel in einer Straßenbahn nach. Salopp formuliert: Wenn ich wollte, dass alle Männer in den Knast kommen, muss ich nur durch die Stadt laufen und zu jedem „Hurensohn“ sagen. Darauf reagiert irgendwie jeder. Unser Kurs macht deutlich, dass man nach einer solchen Beleidigung nicht zuschlagen muss. Man kann auch darauf reagieren und dabei die Hände in den Taschen halten. Wer cool ist, geht einfach weiter. Was wir zudem deutlich machen, dass Gewalt nicht nur Schläge oder Tritte bedeutet. Auch Beleidigungen oder kleine Gesten können Ausdruck von Gewalt sein.

Gibt es einen pädagogischen Ansatz dazu?

Mike Kim: Wir orientierten uns an den Vorgaben von Jens Weidner. Der Begriff lautet Konfrontationstheorie. Im Grunde geht es darum, keine Form von Gewalt durchgehen zu lassen und den Täter sofort mit seinem Verhalten zu konfrontieren. Wenn wir in einem Training erleben, dass jemand beleidigt oder abfällig behandelt wird, dann unterbrechen wir sofort und stellen den Teilnehmer zur Rede. Da bin ich ganz direkt und lasse mich auch nicht auf Ausreden wie „Der hat angefangen“ oder „War nicht so gemeint“ ein. Aggression fängt mit vermeintlich kleinen Dingen an. Wir dulden nicht, dass die Teilnehmer sich breitbeinig auf ihrem Stuhl fläzen. Die Ansage ist klar: Setz‘ dich vernünftig hin. Unsere Spielregeln sind eindeutig. Wir zeigen immer Haltung und fordern einen respektvollen Umgang untereinander ein.

Was ist der Grund für dieses Vorgehen?

Mike Kim: Wir wollen die jungen Männer und Frauen dazu bringen, ihre Situation zu reflektieren. Wichtig ist die Einsicht: Gewalt hat eine Ursache und diese Ursache liegt bei mir und nicht beim Opfer. Ich kann verstehen lernen, wann ich den Impuls zur Gewalttätigkeit fühle. Und wenn ich diesen Impuls empfinde kann ich mir überlegen, wie gehe ich damit um und mich fragen: Wie verhalte ich mich dieses Mal anders? Das ist oft anstrengend, lohnt sich aber.

Gibt es Besonderheiten in Ihrem Kurs?

Mike Kim: Anders als bei anderen Anbietern ist bei uns, dass wir unsere Kurse immer wieder auffüllen. Wenn jemand abspringt, kommt ein neuer Teilnehmer. Das ist dann sehr spannend. Der Neue darf irritiert sein und die Teilnehmer, die schon länger dabei waren, sind ebenfalls verwundert: War ich früher auch so? Außerdem übernehmen sie das Interview. Also, die Frage, woher jemand kommt und was passiert ist. Das ist dann viel authentischer und direkter. Außerdem arbeiten wir stets mit der AWO-Jugendgerichtshilfe und der städtischen Jugendhilfe im Strafverfahren zusammen.

Können Sie noch ein bisschen mehr über Inhalte sagen?

Mike Kim: Wie schon erwähnt, hat eines unserer Rollenspiele eine Straßenbahn als Drehort. Worauf da bei einem Konflikt selten jemand von selbst kommt: Einfach an der nächsten Haltestelle aussteigen. Sich also der Situation entziehen. Das gilt nicht nur dort. Wenn jemand immer wieder in Schwierigkeiten kommt, wenn er sich mit bestimmten Kumpels trifft, dann sagen wir ihm: Geh doch da nicht wieder hin. Oder wenn Alkohol der Auslöser ist, dann machen wir klar: Lass ihn weg. Da müssen sie dann mal in den sauren Apfel beißen.

Im Grunde vermitteln wir Vermeidungsstrategien, um Eskalationen zu mindern und trainieren alternative Verhaltensweisen. Es ist überaus wichtig, die Lebenswelten der jungen Menschen zu kennen und deren Haltungen und Gefühle nachzuempfinden zu können. Wir trainieren Methoden, die einen möglichen „Gesichtsverlust“ kompensieren können. Der Verzicht auf Gewaltanwendung und bedrohlichem Auftreten geht mit einer positiven Lebensplanung einher.

Ist das so einfach?

Mike Kim: Vielleicht nicht. Wenn ich mich einem Konflikt entziehe, komme ich mir zum Beispiel wie ein Verlierer vor. Die Jugendlichen müssen lernen abzuwägen: Wenn sie in Bewährung sind und bei der nächsten Straftat in den Knast gehen, dann ist es vermutlich besser, sich einmal kurz schlecht zu fühlen, als drei Monate absitzen zu müssen. Unser Ziel ist es, neue Straftaten und Übergriffe zu verhindern. Doch nicht nur wir haben das Ziel: Die Kursteilnehmer selbst wollen keinen Ärger mehr mit dem Gesetz haben. Wir helfen ihnen, das zu schaffen.

Bieten Sie Ihre Trainings nur Straftätern an?

Mike Kim: Angefangen habe ich mit schulischen Angeboten an der Gesamtschule Meiderich. Da ging es darum, das Selbstbewusstsein zu trainieren auch mit Blick auf ein mögliches Bewerbungsgespräch. Wir haben aber auch bereits Trainings mit Beschäftigten in einer Flüchtlingsunterkunft gemacht. Dabei ging es darum, wie sie mit typischen Situationen, die eskalieren können, anders umgehen. Im September mache ich ein Training mit Pflegerinnen und Pflegern eines Seniorenzentrums. Auch da geht es darum, Konflikte klug zu lösen. Grundsätzlich kann uns jeder buchen. Auseinandersetzungen gibt es ja überall.

Sie sagen immer „Wir“. Sie machen also die Trainings nicht allein?

Mike Kim: Ich leite die Kurse, denn ich habe die Ausbildung absolviert und bin zertifiziert. Hinzu kommt immer eine Co-Trainerin oder ein Co-Trainer. Sie bringen immer einen pädagogischen Hintergrund mit.

Würden Sie sagen, dass die Gewalt in der Gesellschaft zunimmt?

Mike Kim: Statistiken zeigen: Gewaltdelikte nehmen ab. Was ich sehe: Die Gesellschaft reagiert sensibler auf Gewalt und toleriert solche Straftaten nicht. Das ist auch gut so. Das individuelle Sicherheitsgefühl der Menschen nimmt ab und es ist nicht zu leugnen, dass sich viele Menschen anscheinend immer bedrohter fühlen.

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